Godard studierte klassische Musik (Trompete) am Musikkonservatorium in Besançon und Paris. Auf der Suche nach Einspielungen von Musik mit Tuba stieß der auf die Schallplatte „Bush Baby“ mit Bob Stewart, Tuba, und Arthur Blythe (Saxofon). Nach Godards Bericht war das derEinstieg in den Jazz und die Improvisierte Musik. Er war von 1988 an Mitglied des Philharmonischen Orchesters von Radio France. Von 1989 bis 1991 spielteGodard im Orchestre National de Jazz unter Claude Barthélémy. Weiterhin gehörte er verschiedenen weiteren Ensembles an wie dem Orchestre National de France, dem Ensemble Musique Vivante, dem Ensemble Jacques Moderne, dem Ancient Music Ensemble La Venice und „XVIII-21Musique de Lumieres“ und dem „Arban Chamber Brass" Quintett.

Inzwischen ist Godard wohl der profilierteste europäische Jazzmusiker auf seinem Instrument, der auf der Tuba auch in der Lage ist mehrstimmige Spieltechniken (Multiphonics) einzusetzten.Daneben widmet sich Godard auch zeitgenössischer und Alter Musik und tritt in sehr unterschiedlichen Ensembles und Besetzungen auf.

Zunächst bekannt wurde Godard durch seine Zusammenarbeit mit seinem ebenfalls Tuba spielenden Landsmann Marc Steckar in dem Tuba-Jazzensemble Steckar Tubapack. Ungewöhnlich ist, dass Godard außer der Tuba auch Serpent, den Vorläufer der Tuba, (seit 1979) spielt. Auch zum E-Bass greift Godard hin und wieder.

Godard bildete ein Quartett mit dem amerikanischen Tuba-Virtuosen Dave Bargeron (bekannt u.a. durch seine Zusammenarbeit mit der Rock-Bigband Blood, Sweat & Tears), spielt seit Jahren u.a. in der Gruppe des aus dem Libanon stammenden Ud-Spielers Rabih Abou-Khalil, mit der Capella de la Torre und in zahlreichen eigenen Projekten wie Le miroir du temps. Auch seine Zusammenarbeit mit dem deutschen Saxophonisten Christof Lauer dauert seit den frühen 90er Jahren bis heute an.

Internationale Reputation erwarb sich Godard mit seinen beiden Projekten Castel de Monte und seit neuestem mit Monteverdi, wo er Alte, zeitgenössische Musik und Jazzverbindet, einem Crossover Projekt, wo kein Stil dem anderen übergestülpt, sondern eine behutsame Begegnung zwischen Frühbarock und Gegenwart stattfindet.

Aktuellarbeitet er im Trio mit dem italienischen Akkordeonvirtuosen Luciano Biondini und dem Schweizer Drummer Lucas Niggli sowie im Duo mit dem in Berlin lebenden ungarischen Gitarristen Ferenc Snetberger. Derzeit bereitet er die Veröffentlichung seiner neuen Band "le miroir du temps" bei dem Label Intuition vor, die für September 2015 vorgesehen ist.


Trio Biondini/Godard/Niggli

Luciano Biondini accordeon
Michel Godard tuba, serpent, bass
Lucas Niggli drums


Ein Dreier Gespann "Italien-Frankreich- Schweiz", das sich nicht in engen Bergtälern verirrt, sondern darüber hinweg surft, mit freier Sicht aufs Mittelmeer, sich über die Höhen und Tiefen dieser musikalischen Geografie hinweg swingt.
Drei Virtuosen, die auch an und über die Grenzen gehen, was die Spieltechniken und Ausdrucksformen mit ihren Instrumenten anbelangt.
Biondini - Godard - Niggli steuern eine Seelenmusik an, voller Energie, Poesie und auch feinem Witz.
Ihre Kompositionen dienen als ideale Sprungbretter für die lustvollen Geschichtenerzähler, die diese drei Improvisatoren sind.
Im Frühjahr 2011 erscheint ihre erste CD „ Le Sonnet Oublié“ auf dem renommierten Label INTAKT Records.

Le sonnet oublié : von Bert Noglik
Das Vergessene, das wieder Gefundene, das neu Ersonnene – ein Spiel mit Erinnerungen und mit der Kraft der Imagination. Dieses Sonett von neulich, diese Tarantella, diese Valse Musette, dieses afrikanische Lied… Auf dem Weg ins Studio, auf dem Gang zur Bühne, auf der Treppe zum Licht… Im Jazz liegt die Seele der Improvisation, aus den Tiefen des Gedächtnisses kommt die Melodie. Und der Rhythmus schickt die drei Musiker tanzend ins Hier und Jetzt. Wenn sie zusammenkommen, verbinden und verschränken sich nicht nur die Klangfarben der Instrumente, sondern all die auf unterschiedlichen Pfaden gewonnenen Erfahrungen in einer dichten Interaktion. Michel Godard spielt mit seinen profunden Kenntnissen, die er auf musikalischen Zeitreisen zwischen Mittelalter, Renaissance, Barock, Neuer Musik und Jazz sammeln konnte. Luciano Biondini lässt sein Akkordeon mit Bravour in die Sphären der Abstraktion abheben und erweist sich doch zugleich geerdet in der Geschichte des Instruments, die sich im Wechselspiel von Volkskultur und kunstsinnigem Virtuosentum, inihrer Nähe zum Bodenständigen wie auch zum sphärischen Klang der Orgel der eindeutigen Zuordnung entzieht. Lucas Niggli schließlich, der Tambour des Ensembles, spannt einen Bogen von den Freiheiten der Jazzimprovisation über die Energien der Rockmusik bis hin zu dem im Umgang mit Neuer Musik gewonnenen Feinsinn für Nuancen und strukturelle Differenzierungen. Und auch das spiegelt sich indirekt in der Musik dieses Trios: die Erfahrungen, die Luciano Biondini und Michel Godard im Spiel mit Rabih Abou-Khalil auf dem fliegenden Teppich zwischen Orient und Okzident gesammelt haben ebenso wie das Eintauchen in eine Welt klangrhythmischer Vielfalt, die Lucas Niggli bereits in jungen Jahren mit Godard in der Zusammenarbeit mit Pierre Favres in dessen Ensemble „Singing Drums“ erfahren hat.

Wenn Luciano Biondini, Michel Godard und Lucas Niggli gemeinsam musizieren verschwimmen die Grenzen von Alter und Neuer Musik, von imaginärer Folklore und jazzinspirierter Improvisation. Man kann sich den Treffpunkt virtuell im Dreiländereck zwischen Italien, Frankreich und der Schweiz vorstellen.

Das wäre – und das Bild von den Höhen erscheint gar nicht so unpassend – auf der Bergspitze des Mont Dolent, nahe dem Mont Blanc. Doch dieses Spiel entgrenzt sich der territorialen und der stilistischen Festlegungen. Alpenländisch und zugleich mediterran,filigran gewoben und durchzogen von starken Melodien, angetrieben von ebenso kräftigen wie sensiblen, dabei oft komplexen Rhythmen, entwerfen die drei Musiker große Bögen – innerhalb der Stücke, aber auch in der Abfolge, die Themen von John Coltrane und Johann Sebastian Bach fließend zu integrierenvermag. Keine Übersetzungen in ein swingendes Idiom, sondern herzliche Anverwandlungen, die sich Bach vorsichtig und respektvoll annähern, um ihnschließlich kühn in einem iranischen Rhythmus tanzen lassen. Auch dies ein Bogenschlag über die Zeiten, die Gemütsverfassungen, die Regionen, die Kontinente, die sich schon in früher Zeit berührt haben mögen. Memorieren und erfinden gehen Hand in Hand, verbinden sich zu einem gemeinsamen Atem, finden zu einer Musik von großer Leichtigkeit, gestalten die Zusammenkunft zu einem vor Freude vibrierenden Fest.

Bert Noglik


CDs on Intakt
http://www.intaktrec.ch/226-a.htm
http://www.intaktrec.ch/185-a.htm


videos:
https://www.youtube.com/watch?v=6Uo_YoPC-3k
https://www.youtube.com/watch?v=NPewEFBZ9n0
https://www.youtube.com/watch?v=lCRpzuarxIw


Michel Godard & Ferenc Snetberger Duo

Michel Godard tuba, serpent, bass
Ferenc Snetberger git

Ferenc Snetberger

Der Gitarrist und Komponist wurde 1957 in Nordungarn als jüngster Sohn einer Musikerfamilie geboren. Schon im Kindesalter war sein Vater, ebenfalls Gitarrist, sein großes Vorbild. Snétberger studierte klassische Musik und Jazzgitarre und ist heute besonders für seine Improvisationskunst und sein die Genregrenzen überschreitendes Spiel bekannt.

Sein Repertoire ist inspiriert von der Roma-Tradition seiner Heimat, der brasilianischen Musik und dem Flamenco ebenso wie von der klassischen Gitarre und dem Jazz. Er hat zahlreiche Alben unter eigenem Namen veröffentlicht und eine Reihe weiterer als Ko-Leader und Sideman. Seine Konzertreisen führten ihn durch ganz Europa, Japan, Korea, Indien und die USA.

1995 komponierte er das Concerto für Gitarre und Orchester "IN MEMORY FOR MY PEOPLE" anlässlich des 50. Jahrestages der Beendigung des Holocaust, welches er seinem Volk widmete. Das Konzert, inspiriert von Melodien der Gypsy-Tradition, ist eine kraftvolle Stellungnahme gegen menschliches Leid und wurde vom Komponisten selbst mit Kammerorchestern in Ungarn, Italien und Deutschland aufgeführt, 2007 auch im New Yorker Hauptquartier der VereintenNationen anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktags.

Als Solist führte er Luciano Berios Sequenza XI (per chitarra sola) auf, mit Orchester hat Snétberger Konzerte von Vivaldi, Rodrigo und John McLaughlin interpretiert.Snétberger schrieb Musik für Film und Theater.

Im Jahr 2002 wurde Ferenc Snétberger Ehrenbürger seiner Geburtsstadt und erhielt zwei Jahre später den ungarischen Verdienstorden. 2005 wurde ihm in Budapest derFranz-Liszt-Preis Er stand u.a. mit David Friedman, Dhafer Youssef, James Moody, Trilok Gurtu, Pandit Hariprasad Chaurasia und Bobby McFerrin auf der Bühne.

Im Jahr 2004 gründete Snétberger sein neues Trio mit dem legendären norwegischen Bassisten Arild Andersen und dem in Norwegen ansässigen italienischen Drummer/Perkussionisten Paolo Vinaccia. Mit natürlicher Leichtigkeit und auf höchstem Niveau verschmilzt dieses Trio ausgewählte Kompositionen, technisches Können, improvisierenden Drive und musikalische Fantasie. Dessen Album "Nomad" erschien im Herbst 2005 und wurde von Publikum und Presse enthusiastisch aufgenommen.

Im selben Jahr kam es zum ersten Aufeinandertreffen mit Bobby McFerrin auf dem Veszprémer Sommerfestspielen, u.a. festgehalten auf Snébergers DVD "Snétberger live in Veszprém, solo" , im Duo mit Bobby McFerrin und im Trio NOMAD).

Im Sommer2007 wurde Ferenc Snétberger von Bobby McFerrin zu gemeinsamen Konzerten nach Deutschland und Spanien eingeladen.

Die kongeniale Zusammenarbeit mit Markus Stockhausen begann 1999 bei der Einspielung von "Landscapes" für die CD "For My People" von Ferenc Snétberger . In den drei Kompositionen für Gitarre und Trompete finden die beiden Musiker auf Anhieb zu einer gemeinsamen Sprache und dokumentieren auf verblüffende Weise ihre gemeinsame Könnerschaft.

 


 

Michel Godard „Monteverdi“


Michel Godard: serpent/bass

Guillemette Laurens: voice

Fanny Paccoud: violin

Bruno Helstroffer: théorbo

Gavino Murgia: Voice, saxophone


Auch Musiker haben Lebensthemen. Michel Godard zum Beispiel fesselte und faszinierte die Musik des Italieners Claudio Monteverdi seit seiner Kindheit. Im fortgeschrittenen Alter hat der Franzose, der aus der Nähe von Belfort stammt, diese Leidenschaft nun in einem Musikprojekt ausgelebt und Werke des Komponisten aus dem frühen 17. Jahrhundert mit Jazz gekreuzt. "A Trace of Grace", das Ergebnis dieser Begegnung, stellte er zur Eröffnung des Lörracher Stimmenfestivals nun im Burghof vor und lieferte damit einen mehr als inspirierten Beitrag zu dessen rotem Faden, dem Orpheus-Mythos.

Orpheus, dieser Archetyp moderner Musiker, der mit seinem Gesang einst sogar die blutleeren Geister der Unterwelt, die Erinnyen, anrührte und zu Mitgefühl bewegte, stellte mit seiner Leidenschaft die Welt auf Kopf, baute Brücken, bahnte seiner Geliebten Eurydike einen Weg aus dem Jenseits der Unterwelt ins Diesseits des Alltags. Was die antike Sage von diesem Urahn aller Popstars und -sternchen überliefert, gilt im Prinzip auch für Godard: Der Franzose ist in seinem Projekt ebenfalls ein Pfadfinder, schließt Welten kurz. "Baroque and Jazz are very close", Barock und Jazz sind sich viel näher, als man denkt, sagt er in den wenigen Erläuterungen im Burghof dazu einmal.

Der 51-Jährige und seine fünf Begleiter und Begleiterinnen bestätigen diese These mit jedem Stück; das Ensemble, das Spezialisten für Alte Musik und Jazz kombiniert, schafft ein musikalisches Kontinuum, das die beiden Musik-Sprachen stupend verknüpft, das in der Spur der Orpheus-Gestalt (alle) Grenzen transzendiert, reale und historische Räume auflöst, aufhebt in gleichsam überirdische Gefilde. Auf der einen Seite entstehen so balsamische, versöhnende, entrückende Klangbilder – wie in dem zu Anfang gespielten Titelstück "A Trace of Grace" oder am Ende in der "Prelude in F".

Andererseits bietet dieses "Abenteuer", wie es im Programm heißt, noch immer jede Menge Reibungsflächen; unter den schönen Oberflächen knistert die Spannung – zwischen dem kultivierten, engelshaften Gesang der französischen Mezzosopranistin Guillemette Laurens zum Beispiel und dem unterirdisch, diabolisch anmutenden Kehlkopfgesang des sardischen Saxofonisten und Sängers Gavino Murgia; auch die weichen, wattigen Klänge der Serpent – jenes alte, im Barock weit verbreitete, schlangenähnlich (daher der Name vom lateinischen serpens = Schlange) geformte Instrument, das Godard aus den Asservatenkammern der Musikgeschichte ausgegraben hat – und Murgias glasklares, schneidend geblasenes Sopransaxofon bilden so einen Klangpol; genauso Bruno Helstroffers mitunter als Jazzgitarre gespielte Theorbe und Olivier Létés E-Bass, der fließend zwischen barocken Ostinato-Bässen und dem Walking-Bass des Jazz changiert.

So verschmelzen urbane Klangwelten aus fragmentierten Splittern und folkloristisch angehauchte Ursprünglichkeit; da vibrieren die Gefühle in den strengen Formen Alter Musik und brechen wenig später auf in den entgrenzenden Formen des Jazz – oder umgekehrt. Nach einem archaischen Intro mit Kehlkopfgesängen und Godards "A Trace of Grace", diesem fast meditativen Einstieg, entwickelt sich eine zunehmend packende Dynamik: Schon in "Pur te miro", eine der berühmtesten Liebesarien der Musikgeschichte aus der "Krönung der Poppea", übernimmt Fanny Paccouds Geige parallel zu Laurens’ abgöttischen Schmachten den Widerpart des Nero, und auch Godards Serpent zeichnet immer wieder gesangsähnliche Linien in den Klangkörper. "Soyeusement" entpuppt sich wenig später als sanft wogendes, groovendes Jazz-Stück mit einer leicht swingenden Geige.

Monteverdis "Pianto della Madonna", die inbrünstige, sehnsuchtsvoll Klage Marias am Kreuz Jesu, gerät zum aufgelösten, mittels Duo-Strukturen zugespitztem Flehen; "Doppo il lamento", eine an Monteverdi orientierte Komposition Godards, transferiert die schwermütige Stimmung in eine quirlige Jazz-Improvisation mit hymnischen Elementen; "Si dolce è il tormento" verschmilzt wiegende Harmonien mit dissonanten, schrägen Tönen, die die Seelenqual trefflich steigern und Monteverdis "Zefiro torna", die Liebesklage des Windgottes Zefiro, setzt einen auch dramaturgisch gut gewählten tänzerisch-beschwingten Schlusspunkt: ein geerdeter Hoffnungsschimmer nach dem sphärischen Schweben und den melancholischen Klagen und ein stimmiger Auftaktakkord dieses Festivals, mit dem sich nicht nur Helmut Bürgel von der Stimmen-Brücke verabschiedet, sondern der auch anregt, die hierzulande nach wie vor zu hoch gehaltene künstliche Trennung in (triviale) U- und (seriöse) E-Musik einmal mehr zu überdenken.



Aus: Badische Zeitung 13.07.2012