JOACHIM KÜHN - Classical Modern Jazz

Dave Brubeck in einem Interview der Zeitschrift Jazz Thing (Sept./Okt. 98) über Joachim Kühn:

"Aber es gibt inzwischen eine Menge Typen, die noch wesentlich kompliziertere Sachen kompononiert, weitaus raffiniertere Läufe erfinden, als ich es jemals zu tun imstande bin. Ich denke da an einen deutschen Pianisten ... der erst vor kurzem mit Ornette Coleman ein Duoalbum aufgenommen hat. Joachim Kühn! Das ist einer, der verfügt über alle Fähigkeiten, die meinem Grundverständnis von modernem Piano entsprechen. Mich würde interessieren, wie er über mich denkt."

Mit seinem Spiel, das sich über alle Kategorien hinwegsetzt, profilierte er sich zu einem Musiker von Weltklasse. Im zeitgenössischen Jazz hat der Pianist Joachim Kühn bereits markante Spuren hinterlassen, und er hat neue Wege gewiesen. Als Komponist und Improvisator bezieht er sich auf europäische und amerikanische Quellen. Der musikalische Weltbürger Joachim Kühn weiß sich der Klangsprache der Gegenwart verpflichtet, aber auch der großen Tradition der Konzertmusik und der weitverzweigten Geschichte des Jazz verbunden. Joachim Kühn offenbart Vehemenz und Sensibilität, virtuose Technik und Phantasie, eine unverwechselbare Anschlagskultur und einen untrüglichen Sinn für Dynamik. Im Interplay mit langjährigen musikalischen Partnern, in immer neuen und oft auch ungewöhnlich herausfordernden Spielkonstellationen oder, ganz auf sich gestellt, in seinen Solokonzerten gelingt es Joachim Kühn, eine besondere Spannung zu schaffen und die Musik zum Ereignis zu gestalten.

Mag auch manche Station auf dem Weg von Leipzig, wo Joachim Kühn 1944 geboren wurde, über Lebensphasen in Frankreich und in Amerika wie ein Umweg erscheinen - die musikalische Laufbahn des Pianisten läßt nicht nur Zielstrebigkeit, sondern auch eine - oft erst später bewußt werdende - Folgerichtigkeit erkennen. Bereits in jungen Jahren als Konzertpianist hervortretend und klassisch bestens ausgebildet, begann sich Joachim Kühn unter dem Einfluß seines älteren Bruders, des Klarinettisten Rolf Kühn, für den Jazz zu begeistern. Bereits mit 17 Jahren entschoß sich der Pianist für den Beruf des Jazzmusikers. Mit seinem ersten, 1964 gegründeten Trio spielte er eine Musik, die mit ihrer Öffnung zur freien Improvisation der damaligen Zeit weit vorauseilte. 1966 kehrte Joachim Kühn nach der Teilnahme eines von Friedrich Gulda organisierten Wettbewerbs für junge Jazzmusiker nicht mehr in die DDR zurück. Noch im selben Jahr spielte er, gemeinsam mit Rolf Kühn, bei den Berliner Jazztagen und auf dem Newport Jazzfestival. Gleich nach dem Erfolg beim herausragenden amerikanischen Festival ergab sich eine weitere Chance: Mit Rolf Kühn und dem Coltrane-Bassisten Jimmy Garrison nahm der Pianist ein Album für das Label Impulse auf.

Von 1968 an wohnte Joachim Kühn in Paris, wo er mit stilistisch unterschiedlichen Musikern wie Gato Barbieri, Don Cherry, Michel Portal, Slide Hampton und Phil Woods zusammenarbeitete. Anfang der siebziger Jahre begann Joachim Kühn eine intensive Beshäftigung mit elektrischen Keyboards. Parallel zur Mitwirkung in Gruppen wie Jean-Luc Ponty Experience und Association P.C. hat Joachim Kühn aber immer auch akustisch gespielt, schon damals übrigens im Trio mit dem Bassisten Jean-Francois Jenny-Clark und dem Schlagzeuger Daniel Humair.

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre tauchte Joachim Kühn in die Fusion-Szene der amerikanischen Westküste ein, wo man ihn im Kreise von Musikern wie Alphonse Mouzon, Billy Cobham und Michael Brecker hörte. Aber auch ein Saxophonist wie Joe Henderson wollte für die Einspielung seines Albums "Black Narcissus" nicht auf Joachim Kühn verzichten. Über eine kurze Phase in New York kam der Pianist Anfang der achtziger Jahre nach Hamburg.

In dieser Zeit begann die Konzentration auf das akustische Piano. 1985, nun wieder bei Paris ansässig, reaktivierte Joachim Kühn das Trio mit Jean-Francois Jenny-Clark und Daniel Humair, das seither zu den musikalischen Konstanten zählt. In der Zusammenarbeit mit dem Studioelektronikspezialisten Walter Quintus am Soundboard entstand 1989 die Ballettmusik "Dark" für die Choreographin Carolyn Carlson, die CD "Get Up Early" (1991) und schließlich auch die Musik für das gleichnamige Tanzstück des Tanz-Forums Köln. 1997 komponierte und spielte Joachim Kühn die Musik für "Citizen Kane", ebenfalls ein Tanzstück von Joachim Ulrich für das Kölner Tanz-Forum.

Die Zahl der Alben, CDs und LPs, die Joachim Kühn unter eigenem Namen einspielte, beläuft sich mittlerweile über vierzig. Auf mehr als 150 Tonträgern ist er als Sideman zu hören, überwiegend in hochprominenter Umgebung. Als kleiner Auszug aus der langen Liste derer, mit denen Kühn aufnahm, seien nur einige wenige genannt: Stan Getz, Lee Konitz, Jackie McLean, Charlie Mariano, David Liebman, Niels-Henning Orsted-Pedersen, Albert Mangelsdorff, Chick Corea ... .

1991, im Jahr seines 30. Jubiläums als Profimusiker, kam es zu zwei gefeierten Großprojekten: eine Produktion des Trios Kühn / Humair / Jenny-Clark und der WDR Big Band sowie einer All-Star-Band, u.a. mit Rolf Kühn, Randy Brecker, Palle Mikkelborg, Albert Mangelsdorff, Joe Lovano und Christof Lauer. Im gleichen Jahr realisierte der Pianist einen Kompositionsauftrag für das Festival in Grenoble. Zu den zahlreichen Platteneinspielungen Joachim Kühns in den neunziger Jahren zählen "Thinking Jazz" mit der Vokal-Diwa Eartha Kitt sowie das Solo-Album "Famous Melodies", auf dem der Pianist auch mit der Neugestaltung im Jazz selten gehörter Titel überrascht. Für Verve / Polygram spielte er im Trio Kühn / Humair / Jenny-Clark das Album "Dreigroschenoper" mit eigenwilligen Ausdeutungen der Musik von Kurt Weill ein. Beide CDs, "Famous Melodies" und "Dreigroschenoper", wurden mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

Im Juni 1996 lud Ornette Coleman Joachim Kühn erstmals zu einem Duo-Konzert ein. Dem sensationell und begeistert aufgenommenen Auftritt zum Festival in Verona folgten weitere, u.a. zu den Leipziger Jazztagen, wo der Live-Mitschnitt für das Duo-Album bei Verve entstand. Neben dem indirekten, über Jimmy Garrison vermittelten Kontakt zu John Coltrane verbindet Joachim Kühn nun auch eine unmittelbare Zusammenarbeit mit einem der legendären amerikanischen Jazz-Innovatoren. Inzwischen ist Kühn auch festes Mitglied im Quintet von Ornette Coleman.

Nach dem international beachteten Zusammentreffen Joachim Kühns mit Ornette Coleman zu den Leipziger Jazztagen 1996 wendete sich der in Leipzig aufgewachsene Pianist nun jener Musik zu, die ihn bereits früh geprägt hat. Das Konzert mit Joachim Kühn und dem Thomanerchor, das speziell für die Leipziger Jazztage 1998 initiiert wurde und in der Nikolaikirche, einer der ehemaligen Wirkungsstätten Johann Sebastian Bachs, seine Uraufführung erlebt, thematisiert in einem auf die Gegenwart übertragenen Sinne ein in der Tradition verwurzeltes und doch auch zu innovativer Klangsprache drängendes Motto von Bach. Am 21.03.99 erfolgte eine Wiederauflage des erfolgreichen Jazztage Konzertes in Leipzig.

Was die Spielweise als Pianist, seine Klangsprache auf dem Klavier anbelangt, so gilt Joachim Kühn heute im Kreis der Kollegen wie auch für ein internationales Publikum als einer der großen Jazzmusiker unserer Zeit.

Bert Noglik

 


Joachim Kühn solo
Melodic Ornette Coleman

Joachim Kühn ist schon zu Lebzeiten eine Jazzlegende. Auf seinen Reputationen und dem internationalen Erfolg ruht sich der Pianist aber keineswegs aus, er ist immer noch ungemein produktiv und aktiv. Ob mit seinem New Trio mit Eric Schaefer und Chris Jennings, ob bei diversen Begegnungen und Gastspielen (mit Archie Shepp, Pharoah Sanders, Michel Portal, Daniel Humair und seinem Bruder Rolf) oder als Mitglied in Emile Parisiens Quintett: Kühn steht nach wie vor in vorderster Front des aktuellen Jazzlebens. Angesichts dieses Pensums mag man es kaum glauben, dass er am 15. März kommenden Jahres 75 Jahre alt wird. Wie nicht anders zu erwarten, begeht Kühn diesen Anlass nicht auf der Couch, sondern mit einem neuen Projekt. Und wer ihn kennt, wird sich nicht wundern, dass dabei nicht er im Mittelpunkt steht, sondern ein Kollege und Freund, der seine wichtigste Inspirationsquelle der vergangenen Jahrzehnte war: Ornette Coleman.

Als sie sich Anfang der Neunzigerjahre in Paris kennenlernten, war das der Beginn einer besonderen künstlerischen Beziehung. Nach einem ersten Duo-Konzert in der riesigen Arena von Verona wurde Kühn der einzige Pianist, mit dem der für seine notorische Abneigung gegen Klavierbegleitung bekannte Coleman regelmäßig auftrat. „Ornette hat mich danach mehrmals im Jahr aus Ibiza nach New York eingeflogen“, erinnert sich Kühn. „Er mietete einen Steinway Flügel, und wir spielten jeweils eine Woche lang vierzehn Stunden am Tag.“

Die vor drei Jahren gestorbene amerikanische Jazz-Ikone fand ein spezielles, höchstes Lob für den 14 Jahre jüngeren Deutschen: „Er kommt nicht vom Jazz, er kommt von der Musik.“ Beide einte vor allem, dass sie die üblichen harmonischen Systeme – das Wohltemperierte der Klassik wie die Changes des Jazz – als Einschränkung verstanden und ein jeweils eigenes erfanden: Coleman seine „Harmolodics“, Kühn sein „Diminished Augmented System“. Folgerichtig war es auch Coleman, der den in Leipzig aufgewachsenen Kühn wieder auf seinen ersten prägenden musikalischen Einfluss stieß: auf Johann Sebastian Bach. So kam es, dass Kühn seinerzeit an einem Abend mit Coleman auftrat und am nächsten mit seinem „Bach Now“-Projekt. „Eigentlich habe ich das Gleiche gespielt“, sagt er heute schmunzelnd.

Es ist also begründet, dass Kühn seinen runden Geburtstag mit dem großen Inspirator Ornette Coleman verbindet - und zugleich die aktuelle Serie von Veröffentlichungen unbekannter Werke von Jazzlegenden um ein ganz persönliches Kapitel erweitert. Denn was konkret hinter dem Album „Melodic Ornette Coleman“ steckt, beschreibt er so: „Von 1995 bis 2000 konnte ich sechzehn Konzerte mit Ornette spielen. Vor jedem Konzert schrieb er zehn neue Stücke, die wir vorher eine ganze Woche lang in seinem Harmolodic Studio in Harlem ausgearbeitet und aufgenommen haben. Da er wollte, dass ich die Chords (Sounds) zu seinen Melodien mache, war ich also direkt im Kompositionsprozess involviert. Nach dem Konzert wurden die Titel nie wieder gespielt. Ich habe nun als Einziger alle Aufnahmen und Noten der insgesamt 170 Stücke. Seine schönsten Melodien und Balladen habe ich jetzt, nach etwa zwanzig Jahren, neu zusammengestellt und Piano Solo eingespielt. Außer ,Lonely Woman‘ wurde keines der Stücke je von Ornette Coleman veröffentlicht.“

Ein anderer, ganz im Gegensatz zu seinen Free Jazz-Eruptionen der frühen 1960er Jahre zugänglicherer Ornette Coleman ist hier also zu entdecken. Das Denkmal, das Kühn der Jazz-Ikone hier setzt, ist das des im Blues verwurzelten Schöpfers farbenfroher Melodien. Natürlich erklingen oft andere als die gewohnten Farben, selbstverständlich nutzt Kühn die Vorlagen auch für seine intuitiven Eingebungen des Augenblicks und seine typischen, tempogeladenen Ausritte, doch sind hier vor allem zwei seelenverwandte Klangbildner zu entdecken, deren Ausgangsmaterial Melodien sind. Mal erdige, fast traditionelle („Lost Thoughts“), mal fröhlich verspielte („Love Is Not Generous, Sex Belongs To Woman“), mal sehnsuchtsvoll melancholische („Somewhere“) und zum Schluss auch mal empört tönende („The End Of The World“). Kühn meistert diese Herausforderungen mit der üblichen Grandezza, mit seiner unnachahmlichen Kombination aus feinster Piano-Technik, tiefem inneren Verständnis der Stück-Strukturen und der Fähigkeit, sie aus dem Augenblick heraus zu gestalten. Und es ist wohl ganz im Sinne Colemans, dass Kühn dies nicht im Studio, sondern zu Hause auf Ibiza, zwanglos und zurückgezogen in seinem Musikzimmer auf seinem Steinway-Flügel aufgenommen hat. „Perfektion ist der Killer der Musik“, sagt er gerne, „ich wollte die Musik ganz pur, wollte ganz tief hineingehen.“ Das Ergebnis ist Jazz in Progress, das Vermächtnis eines der visionärsten Instant-Composer und eine Feierstunde für einen der größten Pianisten zugleich.

 


Joachim Kühn Trio Beauty & Truth

Joachim Kühn p / as
Chris Jennings b
Eric Schaefer dr

Alter Meister, junge Wilde und ein neues Trio: Joachim Kühn, Pianist von Weltrang und Solitär des europäischen Jazz, gönnt sich keine Pause. Unstillbar ist sein künstlerischer Schaffensdrang, auch mit Anfang 70 noch. Stillstand ist für ihn Rückschritt, seine musikalische Neugier ungebrochen. Auch heute noch sitzt Kühn täglich Stunden an seinem Flügel in seiner abgeschiedenen Finca an Ibizas Meeresküste oder hört in seiner Musikbibliothek, die über 1500 Tonträger beheimatet, alte und aktuelle CD-Erscheinungen.

Für „Beauty & Truth“ hat er nun gemeinsam mit Produzent Siggi Loch alte, bekannte und ungewöhnliche Stücke ausgesucht und im neuen Trio eingespielt: „Starke Melodien, die man gestalten kann“, erzählt Kühn. Stücke, die ihm etwas bedeuten, wie etwa die Krzysztof Komeda Komposition „Kattorna“. „Bei der Aufnahmesession 1965 in Warschau für das Album „Astigmatic“ war ich selbst im Studio mit dabei und habe zugehört. Nun kam mir dieses Stück wieder in den Kopf.“ Erstmals hört man ihn auch als Interpreten von The Doors. Eine Reggae-Dub-Nummer von Stand High Patrol, die Eric Schaefer ins Studio mitgebracht hat, ist ebenfalls im Repertoire. Natürlich darf eine Reminiszenz an den im Juni 2015 verstorbenen Ornette Coleman nicht fehlen, der zwischen 1996 bis 2000 ausschließlich mit Kühn zusammenspielte. Das Titelstück „Beauty And Truth“, gespielt als Pianosolo-Miniatur, gibt als Prolog die Idee des Albums vor: zur Essenz der Komposition vorzudringen, ihre innere Wahrheit zu entdecken und wahre Schönheit herauszukehren.

Auf den 12 Stücken hört man einen anderen Joachim Kühn: Kraftvoll, klar und auf den Punkt. Immer fest verankert im Groove. Voll ungebremster Spielfreunde und mit jeder Menge Soul. Das neue Trio beflügelt ihn hörbar: „Nach vielen Jahren kehre ich zum klassischen Pianotrio zurück. Das Trio mit Jean-François Jenny-Clark und Daniel Humair, das über 30 Jahre existierte, war das Trio meines Lebens. Diese Tiefe und Intensität war unglaublich. Mit Eric und Chris habe ich nun ein neues Traum-Team gefunden. Auf eine ganz neue Art ist es sehr inspirierend, mit ihnen zu spielen.“

 


 


aktuelle Preise

Trio Joachim Kühn, Jean François Jenny Clark, Daniel Humair: Triple Entende

Jazzman: CD Veröffentlichung des Jahres 1998
Academie de Jazz: beste europäische CD des Jahres 1999
Victoire de la Musique: CD des Jahres 1999
Django d'Or: Europäische Musiker des Jahres 1999




aktuelle Projekte

Joachim Kühn solo

Joachim Kühn & Rolf Kühn „Brothers“

Trio Kühn-Humair-Chevillon: We Re-remember J.F.

Joachim Kühn-Majid Bekkas-Ramon Lopez „Chalaba“

Kühn- Bekkas - Lopez „Chalaba“ feat. Archie Shepp


Joachim Kühn Trio Beauty & Truth
Joachim Kühn p / as; Chris Jennings b; Eric Schaefer dr