Nur noch die wenigsten jungen Jazzer und Jazzfans kennen Sidney Bechet, einen der Gründerväter des Jazz. Ein unerreichter Stilist des Sopransaxofons, der mit seinen französisch-kreolisch inspirierten Kompositionen die Stiloffenheit im Jazz vorwegnahm.   Vor über zehn Jahren fragte ACT-Inhaber Siggi Loch, dessen Jazzleidenschaft im Alter von 15 Jahren durch ein Bechet-Konzertbesuch ausgelöst wurde, Christof Lauer, ob er sich vorstellen könne, ein Projekt zu realisieren, das den 1897 in New Orleans geborenen Jazz-Pionier in den Mittelpunkt stellt. Loch versprach sich eine neue Sicht auf das frühe Genie von einem, der, vom Free Jazz kommend, aus der Beschäftigung mit Albert Ayler und Stan Getz und der Zusammenarbeit mit der Frankfurter Schule um Albert Mangelsdorff und Heinz Sauer, sowie mit amerikanischen Jazzern und der französischen Avantgarde um Michel Godard und Marc Ducret seine unverwechselbar eigene Klangsprache entwickelt hat.

"Ich halte Christof inzwischen ganz unumwunden, ohne pathetisch zu sein, für den besten Saxophonisten, den wir in Europa haben. Ich bin jedes Mal total fasziniert, wenn ich ihm zuhöre. Er hat inzwischen eine Meisterschaft erreicht, die schon gespenstisch ist."
Volker Kriegel, 2002

Christof Lauer wurde am 25. Mai 1953 in Melsungen/Hessen geboren. Mit 6 Jahren erhielt er Klavier-, später auch Cello-Unterricht. Er studierte zunächst Cello an Dr. Hoch's Konservatorium in Frankfurt. 1971 wechselte er zum Tenorsaxophon und begann schon ein Jahr später ein Jazz- und Saxophonstudium an der Hochschule für Musik in Graz bei Professor Dieter Glawischnig. Er unternahm erste Tourneen mit seinem eigenem Quartett und verbrachte danach seine Lehr- und
Wanderjahre in Wiener und Münchner Bands.

1978 kehrte er nach Frankfurt zurück, wurde im Jahr darauf Mitglied des legendären
Jazzensembles des Hessischen Rundfunks unter Leitung von Albert Mangelsdorff und stieg beider Gruppe "Voices" mit Heinz Sauer, Ralf Hübner, Bob Degen und Thomas Heidepriem ein. Mit 26 Jahren zählte er bereits zu den wichtigsten Jazz- Musikern Deutschlands. In den folgenden Jahren war er fast permanent "on the roads", wurde Dozent der Jazz-Klasse an Dr. Hoch's Konservatorium und erhielt 1986 den Jazz-Preis des Südwestfunks. 1990 erschien sein erstes unter eigenem Namen veröffentlichtes Album Christof Lauer (mit Joachim Kühn, Palle Danielsson und Peter Erskine), dem in den nächsten Jahren noch zwei weitere Alben als Bandleader folgen sollten: Bluebells, 1992, mit Wolfgang Puschnig, Bob Stewart
und Thomas Alkier und Evidence, 1996, mit Anthony Cox und Daniel Humair. Sein Erstling Christof Lauer wurde sofort mit dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

1993 wurde Lauer als Solist zur NDR Bigband berufen, die im Umbruch von Tradition zu Moderne Avantgardisten suchte; 1994 schloss er sich dem United Jazz + Rock Ensemble an und 1996 wurde er festes Bandmitglied des Albert Mangelsdorff Quintetts.

Mit Fragile Network (ACT 9266-2) begann 1999 Lauers fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Label ACT. Sein viertes Album als Bandleader (mit Michel Godard, Mark Ducret, Anthony Cox und Gene Jackson) unterstrich Lauers Qualitäten sowohl als einfallsreicher Komponist und Klangregisseur wie auch als exzellenter Solist und brachte ihm erneut den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ein. "Lauer ist längst er selbst und wie 'Fragile Network' neuerlich belegt, einer der besten europäischen Jazz-Saxophonisten" (FAZ).

Im selben Jahr bat ihn der bekannte türkische Ney-Spieler Kudsi Erguner zu einem
weltmusikalischen Projekt, das klassische Musik aus dem osmanischen Reich mit westlicher Improvisation und Jazzrhythmen vereinte. Die CD Ottomania (ACT 9006-2) dokumentiert eindrucksvoll diese ganz besondere musikalische Begegnung.
Noch eine weitere wichtige Begegnung fiel in dieses Jahr 1999: Christof Lauer lernte den herausragenden Pianisten Jens Thomas kennen und bald entstand daraus eine intensive musikalische Zusammenarbeit und Freundschaft. Ihre gemeinsame Arbeit manifestierte sich 2001 in einem ersten Duo-Album: Shadows in the Rain (ACT 9297-2), das sich auf höchst originelle Weise mit Stücken des Pop-Stars Sting auseinander setzte. Auf vier Titeln wurde das Duo dabei vom Cikada String Quartet unterstützt, für das niemand Geringerer als Colin Towns die Arrangements schrieb. Das Album wurde mit dem Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik und dem Jahrespreis des französischen Magazins 'Jazzman', dem "CHOC de
l'année", ausgezeichnet. In der Folge erhielten Lauer und Thomas zahlreiche Einladungen zu Tourneen quer durch Europa und Asien und spielten u.a. beim Jazzfestival in Paris.

Nach dem großen Erfolg ihres Duodebüts fanden sich die beiden Musiker im Herbst 2002 zu einem weiteren kammermusikalischen Projekt zusammen, das diesmal ausschließlich aus Eigenkompositionen bestand: Pure Joy (ACT 9415-2), veröffentlicht im April 2003. "Einfache, kompakte Kompositionen, wie es sie im Jazz sonst kaum gibt", sind dabei laut Christof Lauer die Grundlage für ein eng miteinander verzahntes Spiel frei von schematisierten Jazz-Konventionen
gewesen. Presse und Publikum reagierten ausnahmslos begeistert auf die "unverschämte Schönheit dieser 13 Hymnen" (Rolling Stone).

Mit Heaven (ACT 9420-2) sorgte Christof Lauer Ende des Jahres 2003 für eine
Überraschung: Kirchenmusik nämlich war für Lauer, den Sohn eines Pastors und
leidenschaftlichen Musikers, der über das absolute Gehör verfügte, die erste Form von Musik überhaupt, mit der er als Kind in Berührung kam. Nicht zuletzt deshalb trug er sich seit Jahren mit dem Gedanken, Aufnahmen von sakraler Musik in einer Kirche zu realisieren. Seine Freundschaft mit dem Norweger Geir Lysne führte zu dem lange geplanten Projekt: Gemeinsam mit der Norwegian Brass entstanden im Mai 2003 in der Vålerengen Kirk von Oslo die Aufnahmen zu
Heaven, eine Auswahl ungewöhnlicher Bearbeitungen von klassischen Weihnachtsliedern und geistlicher Musik, für die Geir Lysne als Arrangeur und musikalischer Leiter verantwortlich zeichnete und für die mit Sondre Bratland und Rebekka Bakken zwei ganz außergewöhnliche Gäste aus Norwegen gewonnen werden konnten.

Eine neue Herausforderung fand Lauer in der Zusammenarbeit mit dem Pianisten Eric Watson, mit dem er Road Movies eingespielte (ACT 9429-2): Der in Frankreich lebende amerikanische Pianist und Lauer kannten und schätzten einander seit langem. Im April 2003 gingen sie in Frankreich auf Tournee mit einem Quartett-Repertoire das Watson eigens für Lauer als Gaststar bei Watsons hochkarätigem Trio – zusammen mit Bassist Mark Dresser und Drummer Ed Thigpen – schrieb: Diese Stücke unter dem Titel Road Movies wurden im Sommer 2003
aufgenommen und erschienen dann im September 2004.

Fest steht: So viel Intensität wie Christof Lauer können nur ganz wenige Musiker bieten. Und das wird gerade in seinem neuen Trio, mit dem er im Januar 2007 sein jüngstes Werk: Blues in Mind (ACT 9446-2) herausbringt, deutlich: Denn in diesem Trio kann er, dank der Flexibilität der faszinierend ebenbürtigen Partner und der Bandbreite der Stücke, alle seine Facetten ausleben.
Lauer spielt hier mit dem Franzosen Michel Godard (tuba & serpent) und dem Briten Gary Husband (drums & piano) zusammen: ein Traum-Trio. Ausschließlich Eigenkompositionen der drei Musiker enthält diese CD – und es sind Stücke, die höchst unterschiedliche Welten eröffnen.

Jedes bietet neue Farben und Schattierungen – und doch ist alles gehalten durch die Prägnanz der drei Jazz-Individualisten.

Christof Lauer ist in den letzten 30 Jahren mit einer bewundernswerten Kontinuität auf allen Kontinenten der Erde und bei allen europäischen und internationalen Festivals von Montreux bis Istanbul und von Havanna bis Peking sowohl mit eigenen Bands wie auch als Sideman in den unterschiedlichsten Formationen aufgetreten. Die Vielfalt und kreative Energie von Lauers musikalischen Begegnungen und Projekten spiegelt immer wieder seine tiefste Überzeugung wider: "Jazz ist Kommunikation".

 

Actual projects

Christof Lauer plays the music of Sidney Bechet
Christof Lauer sax; Hubert Nuss p; Ingmar Heller b; Patrice Heral dr

Christof Lauer Trio
Christof Lauer sax; Michel Godard tuba; Patrice Heral dr